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Di | 26.11.2013
1.120 Jahre alte Handschrift Munition für Islamisten?
Wenn Stefan Leder an die unveröffentlichte arabische Handschrift aus dem 9. Jahrhundert denkt, die seit einigen Jahren in seinem Büro liegt, wird ihm manchmal ganz mulmig. Denn der Direktor des Deutschen Orient-Institutes glaubt: "Das ist Munition."
Leder befürchtet, dass der Text über das Verhältnis der frommen Muslime zu ihren Herrschern, den er Anfang der 90er Jahre in der hintersten Ecke einer syrischen Bibliothek entdeckt hatte, von radikalen Klerikern und ihren militanten Anhängern zur Rechtfertigung von Terroranschlägen missbraucht werden könnte. Deshalb hatte er bisher gezögert, die Handschrift, die er mit viel Mühe entziffert und übersetzt hat, zu veröffentlichen.
"Sich ihnen zu nähern, bedeutet, im Höllensud zu baden"
Denn nach Leders Einschätzung ist die Schrift von Abu Bakr al-Marrudhi aus Bagdad möglicherweise das Radikalste, was in den ersten zwei Jahrhunderten nach dem Tod des Propheten Mohammed überhaupt über das Verhältnis zwischen Gläubigen und Herrschern geschrieben wurde. Sie ruft im Prinzip zur Missachtung der staatlichen Autorität auf und warnt die islamischen Gelehrten davor, dem Kalifen nach dem Mund zu reden, weil Gott sie dafür bestrafen werde. In dem Text heißt es über die Herrscher beispielsweise: "Sich ihnen zu nähern, bedeutet, im Höllensud zu baden." Der fromme Muslim solle sich von den korrupten Herrschern möglichst fernhalten und auch die Autorität der Justiz nicht akzeptieren. "Das ist kämpferisch und beleidigend", findet Leder.
"Endloskette von Missverständnissen und Fehlinterpretationen"
Dass diese radikale Anti-Haltung gegenüber den Kalifen der Omajaden- und Abbasiden-Dynastien im 21. Jahrhundert von Al-Kaida-Terroristen und anderen Extremisten zur Rechtfertigung von Anschlägen auf staatliche Einrichtungen missbraucht werden könnte, lässt sich vielleicht wirklich nicht ausschließen. Vor allem, weil Marrudhi, der Verfasser des Textes, ein enger Vertrauter von Ibn Hanbal war, dessen Schüler die islamische Rechtsschule der Hanbaliten gründeten. Auf diese Rechtsschule berufen sich im Prinzip alle sunnitischen Terrorgruppen.

Doch Leder hat sich jetzt trotzdem entschlossen, den Text demnächst herauszugeben. Allerdings will er ihn mit einem Kommentar versehen, der den historischen Kontext erklären soll, in dem die Schrift einst verfasst worden war. "Die ahistorische Lesart des hanbalitischen Vermächtnisses hat zu einer Endloskette von Missverständnissen und Fehlinterpretationen geführt - damit will ich nichts zu tun haben", sagt der Wissenschaftler.
"... daraus ideologischen Honig zu saugen"
Einigen seiner Fachkollegen wirft er vor, Schriften islamischer Gelehrter aus den ersten Jahrhunderten des Islam unkommentiert veröffentlicht zu haben, was es den radikalen Islamisten der Neuzeit leichter gemacht habe, daraus ideologischen Honig zu saugen. Leder selbst zählt sich dagegen zu denjenigen Wissenschaftlern, die sich der Risiken bewusst sind, mit denen ihre Forschung im Zeitalter der selbst ernannten "Gotteskrieger" verbunden ist. Spätestens seitdem der deutsche Verfassungsschutz nach den Erfahrungen mit der Hamburger Al-Kaida-Zelle um den Ägypter Mohammed Atta verstärkt Uni-Absolventen der Fachrichtungen Orientalistik, Arabistik und Islamwissenschaft rekrutiert, hat das Forschungsgebiet seine Praxisferne verloren.
"Staatsschelte als Tradition. Fromme gegen Machthaber in der Schrift von Marrudhi"
Dass eine Minderheit islamischer Geistlicher die Anwendung von Gewalt gegen Andersgläubige und Atheisten mit Zitaten aus dem Koran und mit Überlieferungen aus den ersten Jahrhunderten des Islam zu rechtfertigen sucht, hat dazu geführt, dass sich selbst der Herausgeber einer interessanten historischen Zitatensammlung Gedanken über die möglichen Folgen seiner Veröffentlichung macht. Die kommentierte Handschrift von Marrudhi, die Leder in etwa einem Jahr als Buch unter dem Titel "Staatsschelte als Tradition. Fromme gegen Machthaber in der Schrift von Marrudhi" herausgeben will, ist zwar schon rund 1.120 Jahre alt. Doch gerade das macht sie für die buchstabengetreuen Islamisten, die sich die Rückkehr zu den Wurzeln ihrer Religion auf die Fahnen geschrieben haben, bedeutsam.
"... wie ein frommer Muslim seine Kaffeetasse richtig hält"
"Den Menschen im Westen fällt es oft schwer, zu verstehen, wie groß die Wirkung der Interpretation religiöser Texte durch radikale Scheichs sein kann", erklärt Leder. Als Beispiel nennt er die Ratschläge, die der 1999 gestorbene Scheich Mohammed Nassir al-Din al-Albani einst militanten Islamisten in Algerien gegeben hatte. Die jungen Algerier hätten sich den Religionsgelehrten, der zunächst in Syrien und später im jordanischen Exil gelebt hatte, nicht nur zu politischen Fragen befragt, "sondern auch dazu, wie ein frommer Muslim seine Kaffeetasse richtig hält".
"Mujaheddin" in Bosnien
Im Internet findet sich der Bericht eines arabischen "Mujaheddin", der während des Krieges in Bosnien von Albani angeblich den Rat erhalten hatte, mit seinen Kämpfern "eine erste Verteidigungslinie" aufzubauen und nicht mit den bosnischen Muslimen an vorderster Front zu kämpfen.
"Die Lehren der Meister und ihre Sitten"
Hätte die Handschrift Marrudhis nicht vor 17 Jahren mehr oder weniger zufällig die Aufmerksamkeit des deutschen Arabisten Leder auf sich gezogen, sie würde heute wahrscheinlich immer noch unentdeckt in der Nationalbibliothek in Damaskus liegen. Denn der Titel des Werkes - "Die Lehren der Meister und ihre Sitten" - ist so nichtssagend, dass auch ein islamischer Religionsgelehrter nicht unbedingt Interesse daran gezeigt hätte. Außerdem soll der Autor zwar ein enger Vertrauter des einflussreichen islamischen Gelehrten Ahmed Ibn Hanbal (780-855) gewesen sein. Sein wichtigster Schüler war er jedoch nicht.
Buchstabengetreue Auslegung des Koran
Er soll ihm aber menschlich sehr nahe gestanden sein. Das macht seine Aussagen bedeutsam für viele Anhänger der hanbalitischen Rechtsschule, die als puritanischste und konservativste der insgesamt vier Schulen des Islam gilt. Sie propagiert eine buchstabengetreue Auslegung des Koran und der Überlieferungen vom Leben des Propheten Mohammed und lehnt logische Schlussfolgerung und Analogie als Methoden der Suche nach dem rechten Weg weitgehend ab. Auf diese kleinste der vier Rechtsschulen berufen sich natürlich nicht nur Terrorgruppen, sondern auch Millionen friedlicher Muslime sowie die traditionell eng mit dem Herrscherhaus verbandelten führenden Kleriker von Saudi-Arabien.
Verbreitung des politischen Islam
Die verschiedenen Auslegungen der religiösen Schriften früher Islam-Gelehrter zu verstehen, war noch vor 20 Jahren eine Aufgabe, der sich nur islamische Theologen und wenige westliche Forscher widmeten. Doch die Verbreitung des politischen Islam und die Anschläge islamistischer Terrorgruppen haben dazu geführt, dass sich inzwischen auch mancher westlicher Geheimdienstmitarbeiter einschlägiges Wissen angeeignet hat. Die Berufschancen für Arabisten und Islamwissenschaftler in den westlichen Staaten haben sich durch den Terror von Al-Kaida und Co. deutlich verbessert.
Von Anne-Beatrice Clasmann/dpa