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Di | 26.11.2013
Liese Prokop - ORF
Innenministerin Prokop verstorben
Innenministerin Liese Prokop (ÖVP) ist am Silvesterabend im 66. Lebensjahr verstorben. Die ÖVP-Politikerin erlag den Folgen eines Aorta-Risses nahe dem Herzen.
Prokop verstarb nach ersten Angaben beim Transport ins Krankenhaus St. Pölten. Die Innenministerin hatte den Jahreswechsel in ihrem Haus in Annaberg verbringen wollen. Wer ihren Posten interimistisch übernehmen wird, war in der Silvesternacht noch unklar.
Vom Sport zur Politik
Prokop war nach ihrer sportlichen Karriere, die eine Silbermedaille im Fünfkampf bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko und einen Weltrekord in dieser Disziplin als Höhepunkt hatte, als eine der ersten Quereinsteigerinnen in die niederösterreichische Landespolitik gewechselt. Ihre politische Karriere begann am 20. November 1969 als Abgeordnete zum niederösterreichischen Landtag. Von 1981 bis 1992 war sie als Landesrätin tätig, ab Oktober 1992 als Landeshauptmann-Stellvertreterin.
Niederösterreichische Landespolitik
Prokop war die politische Karriere in die Wiege gelegt. Ihr Vater Hans Sykora war Bezirkshauptmann in Tulln und galt zur Besatzungszeit als besonders geschickter Verhandler. Neben dem Sport- und Biologiestudium engagierte sich die spätere Innenministerin in der Österreichischen Jugendbewegung, der Vorgänger-Organisation der Jungen ÖVP.
Ihre politische Heimat war der ÖAAB und dabei vor allem die niederösterreichische Landesorganisation. Vom damaligen Landeshauptmann Andreas Maurer in die Politik geholt, war Prokop auch unter dessen Nachfolgern Siegfried Ludwig und Erwin Pröll eine stabile und im Land außerordentlich beliebte Stütze der niederösterreichischen Volkspartei.
2004 Wechsel in Bundespolitik
Prokops viel gerühmte Umsicht und ihre bedingungslose Loyalität zu ihren jeweiligen Obmännern waren auch die Basis dafür, dass sie im Dezember 2004 völlig überraschend in die Bundespolitik wechselte. Als Ernst Strasser das Innenministerium hinwarf, wurde sie von Erwin Pröll als Vertrauensperson nach Wien entsandt und verstand es dort, den Spagat zwischen den Interessen der niederösterreichischen Landespartei und den Erfordernissen der Bundesregierung auszuhalten.
Politische Projekte Neues Ausländerecht
Als ihre wesentlichsten politischen Projekte galten die Umsetzung der Exekutivreform, das neue Ausländerrecht, bei dem sie eine Übereinstimmung mit der SPÖ zu Stande brachte, die Verkürzung des Zivildienstes sowie das neue Staatsbürgerschaftsrecht. Wiewohl Prokop gerade in Ausländer-Fragen immer wieder Kritik von linker, aber auch von rechter Seite einstecken musste, war das Gesprächsverhältnis der deklarierten Großkoalitionärin zu allen Parteien und Menschenrechtsorganisationen intakt.
Reaktionen
Dementsprechend fielen auch die Reaktionen auf ihr überraschendes Ableben aus. Bundeskanzler und ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel zeigte sich "zutiefst erschüttert". Prokop sei eine außer-gewöhnliche Frau mit einem bemerkenswerten Leben gewesen, äußerte er seine Anteilnahme für Ehemann Gunnar und die drei Kinder der Innenministerin. Niederösterreichs Landeshauptmann Pröll sprach von einem "schweren Schlag ins Herz Niederösterreichs und einem großen persönlichen Verlust". Sein Neffe, Landwirtschaftsminister Josef Pröll (ÖVP) bekundete: "Ich werde sie von Herzen vermissen." ÖAAB-Chef Fritz Neugebauer gab sich "fassungslos" über den Tod von Prokop. Das Bundesvorstandsmitglied des ÖAAB sei "einer der profiliertesten Arbeitnehmervertreter Österreichs" gewesen.
Seitens der SPÖ äußerte Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos, der mit Prokop unter anderem die Zivildienst-Reform und das Ausländer-Paket ausverhandelt hatte, "großer Betroffenheit und Trauer". Er würdigte Prokops "Handschlagqualität und ihr Gespür für die Sorgen und Anliegen der Menschen". Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) lobte Prokop als "äußerst verständnisvolle Partnerin der Wiener Sicherheitspolitik".
Seitens der Grünen hob Bundessprecher Alexander Van der Bellen Prokops stetiges Bemühen, die Gesprächsbereitschaft zu wahren, hervor. Vizekanzler Hubert Gorbach (BZÖ) sprach von einem "wirklichen Verlust", BZÖ-Chef Peter Westenthaler meinte, Prokop werde "unvergessen" bleiben. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache erklärte: "Ihr Tod ist ein Verlust für unser Land."