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Di | 26.11.2013
Hilfskräfte aus Osteuropa Polnische Perlen gesucht
Früher ist Susanne Hitzler-Seifert bei jedem Telefonklingeln aufgeschreckt: War den Schwiegereltern im Schwarzwald etwas zugestoßen? Dass die Mainzerin heute entspannter zum Hörer greift, liegt an Alexandra.
Die polnische Haushaltshilfe wohnt bei der 85-jährigen Schwiegermutter und dem 88 Jahre alten Schwiegervater. Sie kocht, putzt, spielt Mensch-ärgere-dich-nicht und ist für den Notfall 24 Stunden erreichbar. Laut einer Studie im Auftrag der Caritas sind immer mehr Familien auf solch eine Haushaltshilfe aus Mittel- und Osteuropa angewiesen. Doch nur die wenigsten arbeiten legal.
100.000 Frauen
Die vom Deutschen Institut für Pflegeforschung (dip) vorgenommene Untersuchung ermöglicht erstmals einen Überblick über die Situation und den Bedarf von Familien mit mittel- und osteuropäischen Haushaltshilfen. Die Experten gehen davon aus, dass derzeit rund 100.000 solcher Frauen in Haushalten mit pflegebedürftigen Menschen tätig sind. Tendenz steigend.
2,2 Millionen auf Pflege angewiesen
Arbeit für polnische oder slowakische Frauen gibt es hierzulande genug: Rund 2,2 Millionen Menschen sind auf Pflege und Unterstützung angewiesen. Viele leben zu Hause, rund ein Drittel wird von Angehörigen versorgt. Um Familien in dieser Situation zu unterstützen, seien Haushaltshilfen unerlässlich, heißt es in der Studie, für die deutschlandweit rund 150 Familien, 260 Pflegedienste und 15 Vermittlungsagenturen befragt wurden.
"Man gerät da schnell an die Schmerzgrenze"
Susanne Hitzler-Seifert weiß, was die Studie meint, wenn sie vielen Familien einen "hohen Aufwand durch Beaufsichtigung und praktische Pflege" bescheinigt. Bis vor eineinhalb Jahren fuhren die 44-Jährige oder ihr Mann bis drei Mal wöchentlich die rund 200 Kilometer, um nach dem Rechten zu sehen. Das mussten die Qualitätsmanagerin und der Chefarzt mit ihrem Berufsalltag und drei Kindern unter einen Hut bringen. "Man gerät da schnell an die Schmerzgrenze", erzählt sie.
Laut Studie brauchen vor allem alleinlebende, pflegebedürftige Frauen über 80 Jahre Hilfe. Vor allem im Haushalt oder auch bei der Versorgung mit Medikamenten. Für eine deutsche Rund-um-die-Uhr-Versorgung reichen die Leistungen der Krankenkassen und der Pflegeversicherung aber nicht aus.
Monatlich rund 1800 Euro
Wie viele Altersgenossen wollten auch Susanne Hitzler-Seiferts Schwiegereltern ihre vier Wände partout nicht verlassen. Trotzdem gab es "massive Gegenwehr", als sie ihnen von der polnischen "Mitbewohnerin" erzählte. Doch nach einer Aufwärmphase und kleinen Sprachverwirrungen stimmte die Chemie. Die Mitfünfzigerin Danuta wechselt sich nun mit Alexandra quartalsweise ab. Das kostet die Familie monatlich rund 1800 Euro. Hinzu kommen Kost und Logis sowie 850 Euro für die Vermittlung des Einjahresvertrages.
60 Prozent der befragten Haushalte
Laut Studie nutzen fast 60 Prozent der befragten Haushalte weiterhin ambulante Pflegedienste. Auch bei Familie Hitzler kommt drei Mal täglich ein Pfleger. Alexandra schmeißt den Haushalt und ist fürs Soziale zuständig. Sie hat einen Knochenjob - verdient aber weit mehr als daheim. Als "Offizielle" ist sie allerdings die Ausnahme. Die Studie beklagt, dass die wenigsten Haushaltshilfen legal arbeiten. "Für beide Seiten besteht dann Rechtsunsicherheit", warnt Studienleiter Michael Isfort.
Arbeitnehmerfreizügigkeit
Wer aber den legalen Weg geht, hat es schwer. Noch ist die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bürger aus osteuropäischen EU-Beitrittsstaaten eingeschränkt. Und die Rechtslage hierzulande ist unübersichtlich. Susanne Hitzler-Seifert hat sich für "Seniocare24" entschieden. Die Agentur nutzt den Umstand, dass osteuropäische Firmen Personal befristet für ein Jahr entsenden können. Andere Firmen wie "Grenzenlos" in Hessen vermitteln mit Erlaubnis der Behörden selbstständige Seniorenbetreuer.
Schwarze Schafe
Doch es tummeln sich viele schwarze Schafe auf dem Markt. Experten raten daher, Vermittler unter die Lupe zu nehmen. Oder sich von der Arbeitsagentur eine ausländische Haushaltshilfe vermitteln zu lassen und selbst als Arbeitgeber zu fungieren. Auf jeden Fall - so fordert der Caritasverband - sollten Familien eine mittel- und osteuropäische Haushaltshilfe ohne Angst vor Sanktionen einstellen können.
Von Julia Gaschik